A Maze of Melodies

Virtuosity in Medieval Instrumental Music

Peppe Frana, medieval lute, gittern

Silke Gwendolyn Schulze, double recorder, douçaine, pipe & tabor, shawm

The two manuscripts Paris fr. 844 (Manuscrit du Roi) and London 29987 are very well known among medieval musicians because they contain the famous estampies and istanpitte. These single-voice pieces are considered the earliest surviving instrumental music and they all follow the same form: various puncti always lead to the same open and closed endings. While the French estampies from the Manuscrit du Roi stick to this simple, clear structure, the istanpitte with Italian origins, from the London 29987 manuscript, have a more complex form: the puncti are longer and more irregular, sometimes interlocking or jumping from one punctus back to the previous one. In addition, there are also different and longer endings. The melodies of these instrumental pieces consist of small melodic formulas or patterns that are often repeated and varied. Around 1300, the Parisian music scholar Johannes de Grocheio wrote that, due to its difficulty, the estampie entirely engulfed the minds of the audience as well as the players, thus dissuading the rich from evil thoughts.

Because of its complex form, the musical genre of the estampie/istanpitta can be compared to a musical labyrinth. The difficulty for the musicians lies in not losing their bearings within the Estampie labyrinth and always taking the right turn at the various intersections. You should not allow yourself to be misled by the melodic formulas if they progress differently in some places than they did before.

Just as a hero needs different virtues such as courage, bravery and perseverance to penetrate a labyrinth, a musician needs a particular virtue to perform an estampie: virtuosity. Virtuosity (from Latin virtus, "virtue") is not only masterful control of the instrument, but also a mental artistry, which is particularly evident when performing from memory. Much concentration is required to remember the way through the labyrinth and to be able to correctly follow the different continuations of the formulas. This process exposes the true virtuosity that is necessary in order to play with form and formula.

Peppe Frana and Silke Gwendolyn Schulze have arranged a selection of these musical labyrinths for medieval lute instruments and various medieval woodwind instruments. To do this, they apply their profound knowledge of medieval music, which they acquired at renowned European universities; however, they simultaneously allow themselves to be guided by a good dose of playful intuition and joy. Both master their instruments with virtuosity, and coordinate with each other precisely in the single-voice melodic lines and the unison rhythms. Together they explore the different sound and combination possibilities of their instruments and engender sophisticated and diverse sound worlds, so that this more than 600-year-old music sounds new and lively in its virtuosity, as if it had been written only yesterday

DAS MUSIKALISCHE LABYRINTH

Virtuosität in mittelalterlicher Instrumentalmusik

Peppe Frana, Mittelalterlaute, Quinterne

Silke Gwendolyn Schulze, Doppelflöte, Douçaine, Einhandflöte & Trommel, Schalmei

Die beiden Manuskripte Paris fr. 844 (Manuscrit du Roi) und London 29987 sind unter Mittelalter-Musikern sehr bekannt, denn sie enthalten die berühmten estampies und istanpitte. Diese einstimmigen Stücke gelten als die früheste überlieferte Instrumentalmusik und folgen alle der gleichen Form: verschiedene puncti münden immer in dieselben offenen und geschlossenen Endungen. Während die französischen estampies aus dem Manuscrit du Roi bei dieser einfachen, klaren Struktur bleiben, sind die in Italien entstandenen istanpitte aus dem Manuskript London 29987 komplexer gestaltet: die puncti sind länger und unregelmässiger, greifen manchmal ineinander oder springen von einem punctus in den vorherigen zurück. Ausserdem gibt es unterschiedliche und längere Endungen. Die Melodien dieser Instrumentalstücke bestehen aus kleinen melodischen Formeln oder patterns, die sich häufig wiederholen und verändern. Der Pariser Musikgelehrte Johannes de Grocheio beschreibt um 1300, dass die estampie aufgrund ihrer Schwierigkeit vollends den Geist der Spieler wie der Zuhörer einnehme und so die Reichen von bösen Gedanken abbringe.

Wegen ihrer komplexen Form kann man die musikalische Gattung der estampie/istanpitta auch mit einem musikalischen Labyrinth vergleichen. Die Schwierigkeit für die Musiker liegt darin, innerhalb des Estampie-Labyrinths nicht die Orientierung zu verlieren und an den verschiedenen Kreuzungspunkten stets die richtige Abzweigung zu nehmen. Dabei sollte man sich von den melodischen Formeln nicht in die Irre führen lassen, wenn sie an manchen Stellen anders als zuvor weitergehen.

Gleichwie ein Held verschiedene Tugenden wie Mut, Tapferkeit und Ausdauer benötigt, um ein Labyrinth zu durchdringen, braucht ein Musiker zur Ausführung einer estampie eine bestimmte Tugend: die Virtuosität. Die Virtuosität (von lateinisch virtus, "Tugend") ist nicht nur die meisterhafte Beherrschung des Instruments, sondern auch eine mentale Kunstfertigkeit, die sich vor allem im auswendigen Vortrag zeigt. Um den Weg durch das Labyrinth zu erinnern und den unterschiedlichen Fortführungen der Formeln richtig folgen zu können, ist viel Konzentration nötig. Dadurch zeigt sich die wahre Virtuosität, die das Spiel mit der Form und der Formel erst möglich macht.

Peppe Frana und Silke Gwendolyn Schulze haben eine Auswahl dieser musikalischen Labyrinthe für mittelalterliche Lauteninstrumente und verschiedene mittelalterliche Holzblasinstrumente arrangiert. Sie setzen dafür ihre profunden Kenntnisse mittelalterlicher Musik ein, die sie an verschiedenen renommierten europäischen Hochschulen erworben haben, aber lassen sich gleichzeitig auch von einer guten Portion spielmännischer Intuition und Spielfreude leiten. Beide beherrschen virtuos ihre Instrumente und treffen in den einstimmigen Linien und den unisonen Rhythmen präzise aufeinander. Gemeinsam erforschen sie die verschiedenen Klang- und Kombinationsmöglichkeiten ihrer Instrumente und bringen anspruchsvolle und abwechslungsreiche Klangerlebnisse hervor, sodass diese über 600 Jahre alte Musik in ihrer Virtuosität so neu und lebendig erklingt, als wäre sie gestern erst geschrieben worden.

 
 

© 2019 Silke Gwendolyn Schulze