© 2019 Silke Gwendolyn Schulze

Musical Labyrinths

About Virtuosity in Medieval Instrumental Music

Peppe Frana, medieval lute, chitarrino

Silke Gwendolyn Schulze, double recorder, douçaine, shawm, pipe & tabor

DAS MUSIKALISCHE LABYRINTH

Die beiden Manuskripte Paris fr. 844 (Manuscrit du Roi) und London 29987 sind unter Mittelalter-Musikern sehr bekannt, denn sie enthalten die berühmten estampies und istanpitte. Diese einstimmigen Stücke gelten als die früheste überlieferte Instrumentalmusik und folgen alle der gleichen Form: verschiedene puncti münden immer in dieselben offenen und geschlossenen Endungen. Während die französischen estampies aus dem Manuscrit du Roi bei dieser einfachen, klaren Struktur bleiben, sind die in Italien entstandenen istanpitte aus dem Manuskript London 29987 komplexer gestaltet: die puncti sind länger und unregelmässiger, greifen manchmal ineinander oder springen von einem punctus in den vorherigen zurück. Ausserdem gibt es unterschiedliche und längere Endungen. Die Melodien dieser Instrumentalstücke bestehen aus kleinen melodischen Formeln oder patterns, die sich häufig wiederholen und verändern. Der Pariser Musikgelehrte Johannes de Grocheio beschreibt um 1300, dass die estampie aufgrund ihrer Schwierigkeit vollends den Geist der Spieler wie der Zuhörer einnehme und so die Reichen von bösen Gedanken abbringe.

Wegen ihrer komplexen Form kann man die musikalische Gattung der estampie/istanpitta auch mit einem musikalischen Labyrinth vergleichen. Die Schwierigkeit für die Musiker liegt darin, innerhalb des Estampie-Labyrinths nicht die Orientierung zu verlieren und an den verschiedenen Kreuzungspunkten stets die richtige Abzweigung zu nehmen. Dabei sollte man sich von den melodischen Formeln nicht in die Irre führen lassen, wenn sie an manchen Stellen anders als zuvor weitergehen.

Gleichwie ein Held verschiedene Tugenden wie Mut, Tapferkeit und Ausdauer benötigt, um ein Labyrinth zu durchdringen, braucht ein Musiker zur Ausführung einer estampie eine bestimmte Tugend: die Virtuosität. Die Virtuosität (von lateinisch virtus, "Tugend") ist nicht nur die meisterhafte Beherrschung des Instruments, sondern auch eine mentale Kunstfertigkeit, die sich vor allem im auswendigen Vortrag zeigt. Um den Weg durch das Labyrinth zu erinnern und den unterschiedlichen Fortführungen der Formeln richtig folgen zu können, ist viel Konzentration nötig. Dadurch zeigt sich die wahre Virtuosität, die das Spiel mit der Form und der Formel erst möglich macht.

Peppe Frana und Silke Gwendolyn Schulze haben eine Auswahl dieser musikalischen Labyrinthe für mittelalterliche Lauteninstrumente und verschiedene mittelalterliche Holzblasinstrumente arrangiert. Sie setzen dafür ihre profunden Kenntnisse mittelalterlicher Musik ein, die sie an verschiedenen renommierten europäischen Hochschulen erworben haben, aber lassen sich gleichzeitig auch von einer guten Portion spielmännischer Intuition und Spielfreude leiten. Beide beherrschen virtuos ihre Instrumente und treffen in den einstimmigen Linien und den unisonen Rhythmen präzise aufeinander. Gemeinsam erforschen sie die verschiedenen Klang- und Kombinationsmöglichkeiten ihrer Instrumente und bringen anspruchsvolle und abwechslungsreiche Klangerlebnisse hervor, sodass diese über 600 Jahre alte Musik in ihrer Virtuosität so neu und lebendig erklingt, als wäre sie gestern erst geschrieben worden.